Der erste Videorekorder

Oder die Geburt eines Filmfreaks!

Der allererste Videorekorder war ein SABA VR6010 (technisch baugleich mit JVC HR7200). Ein Oberlader, die Fernbedienung noch nicht mit Infrarot, sondern mit einem Kabel!!! und gabs nur als Zubehör. Die passende Fernbedienung dazu ist die SABA FS 601. Im Vergleich zu späteren Modellen, ein Monstergerät. Neu kostete dieses Gerät sage und schreibe CHF 2999.- (in der BRD war der Preis etwa DM 2000.-)

Damals gabs noch die Firma Radio TV Steiner und es war üblich, dass ein Aussendienstler die Kunden zu Hause besuchte. Ich weiss noch ganz genau, dass dieser Herr ein Angebot machte, ein wenige Monate gebrauchter Videorekorder, eben diesen SABA um die CHF 2400.- Damals war das alles extrem viel Geld, für eine alleinerziehende Mutter, da ich aber regelmässig Zeitungen austrug und sonstige Jobs machte, konnte ich mir die monatliche Raten leisten. Anders gings nicht. Nur die wenigstens hatten damals Kohle für solche Luxusgeräte. Auch die Video Kassetten waren noch extrem teuer. Wie gesagt die gesamte Videofilmsache war noch in den Anfängen, ich kann mich erinnern, mit dem Videorekorder kaufte ich noch ein 3er Pack Scotch E-180 VHS Kassetten, die kosteten gegen CHF 50.-!! Da musste man gut überlegen, was man aufnehmen wollte bzw. archivieren. Allerdings gabs damals noch keine Privatsender sondern nur die öffentlichen Rechtlichen, wir hatten etwa so 10 Sender maximal. Deshalb gabs auch noch nicht so viele Blockbuster wie heute im TV. Der Rekorder war bestellt und ich ging in die Skiferien mit meinem Vater. Der Videorekorder musste während meinen Ferien zu Hause eintreffen. Ich rief meine Mutter jeden Tag zu Hause an, ich war sowas von aufgeregt, das war richtig ein Jahresereignis. Endlich war er da und alles war so aufregend. Ich glaub meine allererste Testaufnahme war irgendeine Szene wo ein Flugzeug landete. Ich konnte es kaum fassen, dass es tatsächlich funktionierte Sachen vom TV aufzunehmen. Unglaublich war es, dass man die Filme nicht nur am TV anschauen musste und oft bis spät aufbleiben, sondern dann diese zu „besitzen“ und jederzeit anschauen zu können. Das war was völlig Neues. 1982 wurde mein Leben komplett verändert.

Die ersten Filme die ich aufnahm und auch archivierte waren die Roger Corman Filme wie „Lebendig begraben“ usw. Ich nahm auch Horrorfilme vom TV der französischen Schweiz auf, denn da liefen für damalige TV Zeiten die „krasseren“ Filme wie „Creepshow„. War halt auf Französisch, aber damals war man froh, man hatte es aufnehmen können. Meine damals Lieblingsserie "Die Profis" hatte ich auch immer wieder aufgenommen, denn damals gabs die Serien noch nicht auf VHS Kassetten. Ich war schnell der Videofreak im Dorf und fast eine exklusive Erscheinung. Um Bandplatz zu sparen, konnte man nicht ungefähr mit Timer aufnehmen. Spät am Abend oder nachts (extra aufgestanden) habe immer gezielt die Filme beim Aufnehmen gestartet und gestoppt manuell. 

Bild rechts: SABA VR 6010

Später wurde ich auf Originalfilme bzw. Videokassetten aufmerksam. Wenn man eine kaufen wollte, musste man die immensen Preise, die die Videotheken (Verleihkassetten) bezahlen mussten. D.h. die Kassetten gabs für private Leute nicht offiziell, man musste über ein Videothekenbesitzer bestellen, wenn man bereit war einige hundert Franken zu bezahlen. Die einzige Chance war, wenn eine Videothek Occassionen verkauften, die aber immer noch das x-fache von heutigen Preisen kosteten. Das war für mich als Schüler unerreichbar! Da blieb nur noch das Mieten der Filme. 

Ich kann mich noch gut erinnern, die ganze Videoverleihgeschichte war noch in den Anfängen, in unserem Dorfs gabs aber schon eine Videothek. Ich war noch Schüler, daher musste ich eine elterliche Genehmigung bringen um Videos mieten zu dürfen. Besonders die mit „nur für Erwachsene“ 18er Horrorfilme. Meine Mutter gab mir nach langen hin und her die Genehmigung, sodass ich einer der Wenigen im Dorf war, der in meinem Alter Videos mieten durfte, geschweige Horrorfilme. Ein anderes Problem war, in den 80er Anfängen waren die Videorekorder schweineteuer. Es war ein purer Luxus so ein Gerät zu haben.

Die Mieten kosteten viel Geld, ich kam daher irgendwann auf die Idee gemietete Filme zu kopieren, denn ich sah bei einer Tankstelle in Bümpliz Bern eine Möglichkeit an einen zweiten Videoplayer zu kommen. Wenn man mindestens 3 Filme mietete gabs ein Video-Abspielgerät dazu gratis zum Gebrauch, weil eben die Meisten noch kein Videoplayer hatten. Dies machte ich dann. Der Tankstellenbesitzer hatte zumeist so „Electric Blue“ Schinken und Schmuddelfilme, welche ich halt mietete um an den Player zu kommen. Meistens arrangierte ich es, dass ich übers Wochenende auslieh, damit ich genügend Zeit hatte. Ich besorgte mir ein Verbindungskabel (mit Din Stecker) und ging dann in die Dorfvideothek um Filme für den Kopiertest zu holen, die Schmuddelfilme habe nie angeschaut, waren ja nur "Alibi" für das 2. Abspielgerät. Da gab es noch keine Macrovision Kopierschutz und Zensurlisten etc. Da gabs noch alles volle Kahne in der Videothek zu mieten. Erst später mischten sich die kirchlichen Institutionen oder konservativ und kirchlich geprägten Zeitgenossen in die Videokunst ein und begannen erwachsene mündige Bürger zu bevormunden, was gesehen darf und was nicht. Alles unter dem Banner des Jugendschutzes. Wenn ich mich nicht täusche, waren die ersten Filme, die ich kopierte „Airwolf -Der Film, Ninja Kommando und Barrcuda„.

Zu Hause verkabelte ich alles, liess es ablaufen und kopierte mal den Film „Airwolf“. Nach Ende des Films testete ich die Aufnahme und es funktionierte! Der Film war drauf, allerdings der Ton immens leise bis fast stumm! Hm, ich dachte besser als nichts. Unglaublich mit wie wenig man damals schon zufrieden war, so rar und nicht selbstverständlich wie heute war es damals. Als ich aber das Verbindungskabel rauszog aus dem Videorekorder, war der Ton gut und nicht leise! Heissa, da war Weihnachten für mich. Ich hatte so eine Scheissfreude!! Meine Leidenschaft für Filme zu sammeln war geboren. Ich war jahrelang exklusiver Besitzer von Filmen im Dorf und Schule. Ich war damals schon der Horrorfreak.

Hier eine kleine Anekdote:

In der Schule hatten wir jedes Jahr eine Interessenwoche. Als der Film dann das Thema war, wollte unser Klassenlehrer ein Kinofilm zum Abschluss zeigen. Die Schulwarte versagte allerdings, der Film wurde nicht rechtzeitig zugeschickt. Mein Ruf als Filmfreak holte mich ein und der Lehrer fragte mich, ich hätte doch sicher ein Film in der Tasche? "Selbstverständlich" antwortete ich unschuldig. Ein schöner Unterwasser Naturfilm mit schönen Fischen, wäre das ok? Der Lehrer stimmte erleichtert zu und ich gab ihm den "Barracuda", in der ungeschnittenen Fassung versteht sich. Der Film lief dann einige Minuten, alles schien palletti. Als dann die Barracuda dafür sorgten, dass abgetrennte Leichenteile durch das Bild schwammen, sprang der Lehrer entsetzt auf und stoppte den Film! Grosses Gelächter oder schockierte Schüler im Schulzimmer und ich kriegte ein Zusammenschiss vom Lehrer. Tja, ich war ja der Horrorfreak, hätte er sich ja denken können :-)

Mit der Zeit kaufte ich auch gebrauchte Filme z.B. von Telerent Videotheken. Erst viel später kam der Mainstreamverkauf von Filmen auf VHS Kassetten und die Preise waren anfänglich auch extrem hoch. Da fingen die Filmgesellschaften auch an den Endverbraucher zu verarschen, indem man Filme schnitt um den FSK 16 zu bekommen und somit konnte man ein breiteres Publikum erreichen, ergo mehr Kohle! Die ersten Neu-Filme auf VHS kaufte ich in einer Joe’s Videopalast am Waisenhausplatz in Bern und waren die Klassiker Die Fliege 1+2 und die Spider-Man Trilogy (Spiderman, der Spinnenmensch, Spiderman schlägt zurück, Spiderman gegen den gelben Drachen) eine amerikanische Kurzserie, die bis heute nie komplett auf Deutsch veröffentlicht wurde. ausser ein paar zusammengefügte Episoden auf diesen drei VHS Kassetten. Später hatte ich dann natürlich weitere Videorekorder der aktuellen Technik von Panasonic, Philips, Sharp und vor allem Sony.

Hier ist ein Bild von meinem Sony Videorekorder, im Einsatz von 1995-2005. Damals war dies der beste Videorekorder seiner Zeit auf dem Markt. Mehrfacher Testsieger. Ich musste ihn aus Deutschland für ca. 850 Mark importieren, den gabs in Schwarz hierzulande nicht. Alles noch mit Fax usw. da gabs noch kein Internet und E-Mail etc.


Mit den Jahren hatte ich eine beträchtliche Sammlung an VHS Videofilmen, aufgenommen oder Original. Später fingen Joe’s Videopalast und andere Läden an günstig gebrauchte Verleihfilme zu verkaufen, vor allem bei Filialenaufgaben. Ich hatte zu Spitzenzeiten um die 3000 VHS Filme, davon etwa 2000 Originalkassetten! Ich fing dann auch an andere Formate wie Laserdiscs zu sammeln. Die VHS Filme ersetzte ich in den letzten Jahren laufend durch DVDs und später Blu-Rays. Heute besitze ich etwa noch 100 VHS Originalfilme aus nostalgischen und raritäten Gründen. Heutzutage kopiere ich selten bis keine Filme mehr, da ja fast alles im Original erhältlich ist und mir wichtig ist, Originale zu sammeln. Es gibt allerdings durchaus noch welche, die bisher nie erschienen sind auf Deutsch auf DVD/BD. Bei denen habe ich die Originalkassetten abgetastet und ein Streamfile erstellt um den Film zu sichern, da VHS Kassetten dem Alterungsprozess ausgeliefert sind. Sobald die Filme offiziell erhältlich sind, hat sich das mit dem File erledigt. Allerdings muss man auch aufpassen, dass gerade im Horrorsegment so manche frühere VHS Fassungen ungeschnitten sind und aus wirtschaftlichen und kommerziellen Gründen eine DVD oder BD Veröffentlichung geschnitten rauskamen. Oder bei den alten VHS hatten gewisse Filme einen deutschen Titel usw.  und später dann auf DVD oder BD nur die englischen Titel, andere Synchronisation etc. Daher behalte ich so manches VHS Kopie aus nostalgischen und Sammlergründen.

Bei diesem Thema kommt mir die Frage auf, gibt es eigentlich noch Videotheken? In meiner Gegend hier jedenfalls nicht, soweit ich weiss!

(Dies ist ein Repost aus vergangener Zeit mit Textupdate)




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